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Unsere wichtigsten Kulturpflanzen wurden von steinzeitlichen Menschen aus Wildpflanzen (z.B. Emmer, Einkorn, Gerste, Erbse, Linse) gezüchtet, die in semiariden Gebieten in großen Beständen vorkamen und schon als Wildform essbar und ertragreich waren. Experimente zeigen, dass es für die Sammler vor über 10000 Jahren möglich war, von den wild wachsenden Getreidearten jährlich bis zu einer Tonne Samen pro Hektar zu ernten. Das entspricht etwa 50 Kilokalorien Nahrungsenergie bei nur einer Kilokalorie Energieeinsatz für das Sammeln. Diese Getreidesamen hatten zusätzlich noch den Vorteil eines relativ hohen Eiweißgehalts (8-14%). Dass die steinzeitlichen Menschen daraus Kulturpflanzen züchten konnten, war nur möglich, weil es sich bei diesen Wildpflanzen um einjährige Selbstbestäuber handelt, die als Opportunisten Trockenzeiten (ein Kennzeichen semiarider Gebiete) in Form ihrer widerstandsfähigen Samen gut überstehen können. Da außerdem die Eigenschaften dieser Wildpflanzen stark variierten, konnten die steinzeitlichen Bauern Samen mit bevorzugten Eigenschaften zur Aussaat auswählen. Die Auswahlkriterien waren nicht nur Ertrag, sondern auch Dresch- und Widerstandsfähigkeit.

Zum ökologischen GAU wurde die sich entwickelnde Landwirtschaft erst durch das stetige Anwachsen der Bevölkerung. Das führte zu einer immer weiteren Ausdehnung der von Monokulturen bestandenen Flächen und zum Eindringen dieser Kulturform in die humiden Klimagebiete der Erde. Mit den Nachfolgern der ersten steinzeitlichen Kulturpflanzen wird heute über 80% der pflanzlichen Nahrung auf der Erde produziert. Jared Diamond stellt in seinem Buch „Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“ sehr gut dar, wie die weltweite Verteilung großsamiger Wildgräser (Samengewicht 20 - 40 mg,) und Hülsenfrüchte, deren Sameninhalt gut verdaubar war, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften in den verschiedenen Weltregionen prädeterminiert hat.

Ein Beispiel dafür, wie wenig die Erkenntnisse der ökologischen Grundlagenforschung bisher in die Agrarwissenschaften integriert wurden, ist die vom Institut für Landwirtschaft und Umwelt in Bonn 1999 herausgegebene Publikation „Nachhaltige Landwirtschaft. Von der Ideengeschichte zur praktischen Umsetzung“, die am Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Universität Kiel erstellt wurde. Einige der nachfolgenden Aussagen sucht man in dieser Publikation vergeblich.

Literatur

Jared Diamond: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M, 1998

Olaf Christen: Nachhaltige Landwirtschaft. Von der Ideengeschichte zur praktischen Umsetzung
Institut für Landwirtschaft und Umwelt (ilu), Bonn, 1999


Damit die Nahrungsmittelproduktion nachhaltiger wird, wäre zu fordern:

Übergang zu einer Produktionsweise ohne Pflug: Das jährliche Pflügen hindert den Boden daran, Funktionseigenschaften zu entwickeln, die der Aufrechterhaltung seiner Produktivität zuträglicher sind.

Schließen des ökologischen Kreislaufs: Alles was der Produktionsfläche entnommen wird, sollte in Form von organischen Abfällen, Fäkalien, Klärschlamm oder Asche wieder auf sie zurückgelangen. Dazu wäre es notwendig, eine Kontamination dieser Komponenten mit Schadstoffen zu vermeiden.

Die Produktionsflächen sollten das ganze Jahr über von einer Pflanzendecke überzogen sein.

Den Nutztieren sollte nur Biomasse verfüttert werden, die für den direkten menschlichen Verzehr ungeeignet ist.

Die Anbauflächen sollten aus einem nach ökologischen Kriterien optimierten Mosaik von Feldfrüchten bestehen.

Ein intelligenter Fruchtwechsel sollte mithelfen, den Krankheitsbefall, die Fraßschäden und das Aufkommen von Nicht-Feldfrüchten gering zu halten.

Auf mineralische Düngung und Biozideinsatz sollte weitestgehend verzichtet werden.

Die Kenntnisse der Nahrungsmittelproduzenten über die ökologischen Prozesse in der Landschaft sollten erheblich verbessert werden.


Noch einen Schritt weiter gehen verschiedene Agrarökologen, Genetiker und Bodenkundler. Sie fordern,  unsere vorwiegend einjährigen Nutzpflanzen wie z.B. Weizen, Reis, Mais, Sojabohne, Gerste, Hirse oder Kartoffel, die rund 80% der weltweiten Anbaufläche in Beschlag nehmen, durch mehrjährige Nutzpflanzen zu ersetzen. Das solle durch Hybridisierung mit nahe verwandten, mehrjährigen Arten erreicht werden. In letzter Zeit wurden entsprechende Forschungs- und Zuchtprogramme initiiert. So wird etwa versucht, aus dem einjährigen Weizen und dem mehrjährigen Weizengras eine neue mehrjährige, ertragreiche Getreidesorte entstehen zu lassen.

Literatur

Jerry D. Glover, Cindy M. Cox, John P. Reganold: Zurück zu den Wurzeln?          Spektrum der Wissenschaft, Dezember 2007, S. 88-96

N. Jordan et al.: Sustainable development of the agricultural bio-economy                        Science, Vol. 316 (2007), S. 1570


Nach heutigem Kenntnisstand ist mit den Kulturpflanzen, die die Basis unserer Ernährung bilden, auf lange Sicht keine ökologisch nachhaltige Nahrungsmittelproduktion zur Versorgung der Menschen in Europa möglich, weil diese Kulturpflanzen ihren Standort nicht nachhaltig bewirtschaften können, was eine schleichende Degradation der Böden zur Folge hat. Nur bei einer massiven Reduktion der Anbaufläche wäre es möglich, die Nahrungsmittelproduktion auf der Basis unserer gegenwärtigen Kulturpflanzen so in die Landschaft zu integrieren, dass mit Hilfe von Wald- und Feuchtgebieten eine ökologisch nachhaltige Nutzung der Landschaft zustande käme. Diese Strategie könnte nur verfolgt werden, wenn sich auch die heutigen Bevölkerungszahlen massiv verringern würden. 

Mindestens seit 100 Jahren wäre es sinnvoll gewesen, darüber nachzudenken, wie wir aus unserem Dilemma herauskommen könnten. Anders als die vielen Generationen davor, hätte ab diesem Zeitpunkt eine radikale Änderung unserer Nahrungsmittelproduktion ins Auge gefasst werden können. Der Selbstorganisation überlassene Wälder sind, wie wir gesehen haben, unter unseren Klimabedingungen die effizientesten Nutzer der örtlichen Ressourcen; nur sie garantieren ökologische Nachhaltigkeit. Solche Wälder können je nach den Niederschlagsverhältnissen bis zu 30 Tonnen Biomasse pro Hektar pro Jahr produzieren. Wie wäre es also, wenn wir beginnen würden, unsere Ernährung Schritt für Schritt auf die Biomasseproduktion der Wälder zu stützen, uns allmählich von unseren Kulturpflanzen zu lösen, zu denen uns seit der Steinzeit keine Alternativen eingefallen sind? Es liegt an uns, unsere wissenschaftliche und technische Intelligenz dafür zu verwenden, biotechnische Verfahren zu entwickeln, mit deren Hilfe Teile der jährlichen Nettoprimärproduktion der Wälder in menschliche Nahrung verwandelt werden können. Wahrscheinlich werden wir dabei auch herausfinden, dass Nahrungsmittel auf diese Weise mit deutlich weniger Energieaufwand als heute herzustellen sind. Vielleicht können wir da etwas von den Blattschneiderameisen und Termiten lernen. Welcher Anteil der pflanzlichen Nettoprimärproduktion einer bestimmten Region der menschlichen Nutzung anheim fallen darf, ohne die ökologische Nachhaltigkeit zu degradieren, bedarf intensiver Forschung. Von den Forschungsergebnissen wird abhängen, wie viele Menschen in der jeweiligen Region nachhaltig mit Nahrung versorgt werden können.

Der Frage, wie viele Menschen mit dem Ziel einer ökologisch nachhaltigen Landnutzung verträglich sind, sollten wir uns stellen. Wenn die Antwort auf Grund der Forschungsergebnisse lautet, weit weniger als aktuell in der betrachteten Region leben, dann sollten wir zum notwendigen Schrumpfungsprozess bereit sein.

Literatur  siehe: Defizite ökologischer Forschung